Ruhrtour (Sommer 2009)

Kurztrip: Ein Wochenende auf der Escargot

Mit einem Zeitungsbericht fing alles an. In einer Wochenendausgabe unserer Tageszeitung unter der Rubrik „Reisen“ war vor einiger Zeit ein großer Artikel über die „Grüne Flotte“. Die „Grüne Flotte“ ist ein kleines Unternehmen, welches Reisen im Einklang mit der Natur anbietet. Nicht irgendwelche Reisen – nein Schiffsreisen. Nicht irgendwo – sondern mitten im Ruhrgebiet, auf der Ruhr, in Mühlheim.

Also bei der „Grünen Flotte“ kann man Schiffe mit wohlklingenden Namen wie Escargot (ɛskaʁɡɔ) oder Escargot + buchen. Escargots sind Hausboote, auf denen kann man schlafen, wohnen, essen und na ja, ein Badezimmer haben die nicht, nur ein Klo. Die Größe der Escargot ist mit ca. 2 Metern Breite und ca. 6 Metern Länge nur etwas für Menschen, die sehr vertraut miteinander sind. Man kann sich nicht aus dem Weg gehen. Die Escargot + ist etwas komfortabler.

Vielleicht verrät der Name des Schiffes „Escargot“ Eingeweihten noch mehr. Escargot ist französisch und bedeutet „kleine Schnecke“. Schnecken sind, nun ja, leise, langsam und eher langweilig.

Jedenfalls kann man – ohne Führerschein – mitten im Hafen von Mühlheim diese kleinen Hausboote buchen und mit diesen für einen Tag, ein paar Tagen oder auch länger, die Ruhr entlang fahren. Kein Fahren im Sinne von Motorbootfahren, auch kein segeln, paddeln oder rudern. Mit einer Escargot bewegt man sich wie mit einem Tretboot: Mit Muskelkraft und super langsam. Also, man fährt nicht, sondern radelt. Die Geschwindigkeit, die man erreicht, entspricht der eines Rollators.

Manchmal muss man eben etwas verrücktes tun. Und so haben wir gebucht. Eine Nacht. Die Kids waren eher sehr skeptisch und pupertierten leicht ´rum – ist ja auch verständlich, wenn man 12 und 15 Jahre alt ist und gewöhnlich lieber ohne, als mit Eltern unterwegs ist.

Am 27.06.2009, einem Samstag machten wir uns auf den Weg. Die Ausrüstung (Schlafsack, über Verpflegung) war selbst mitzubringen. So um 10.00 Uhr waren wir vor Ort, am Hafen in Mühlheim. Kein Vergleich zu den Häfen, die wir schon gesehen hatten, wie Venedig oder Hamburg, nein. Der Hafen ähnelt auch nicht den netten Yachthäfen an den den Ostseeküsten. Der Hafen ist ein in die Jahre gekommener kleiner Binnenhafen mit Industrieatmosphäre und gleichzeitig gab es so etwas wie Bebauung mit Hinterhofcharakter.

Obwohl noch früh morgens, war es schon heiß und super schwül. Die Leute der Grünen Flotte begrüßten uns freundlich. Wir verstauten unsere Ladung für ca. 30 Stunden und erhielten eine gründliche einstündige Einweisung: Vorfahrtsregeln, Seezeichen, Gefahren auf dem Fluss und Schleusen. Glücklicherweise gab es noch einen Aktenordner zum Nachlesen. Das Wichtigste: Quasi alle Anderen haben Vorfahrt, besonders die Berufsschifffahrt und die Weiße Flotte (Ausflugsschiffe). Die haben Termindruck, einen Fahrplan, sind eh genervt und vor Allem – die sind stärker. Aber zur Beruhigung wurde uns versichert, dass noch nie eine Escargot versenkt wurde.

Seezeichen weisen auch (Freizeit-)Kapitäne auf besondere Regeln, wie Fahrrinnen und auch auf Gefahren, wie Stromschnellen und Wehre hin und sollten unbedingt beachtet werden.

Schleusen gibt es im Fahrwasser der Ruhr mehrere. Da muss man sich korrekt anmelden, einfahren, das Schiff mit Enterhaken fixieren, bezahlen und wieder rausfahren. Mal hoch mal runter.

Nach all den Erläuterungen ging es dann endlich aufs Schiff zum Fahrradfahren. Im Heck (hinten) befinden sich sozusagen Maschinenraum und Brücke zugleich: Nebeneinander zwei Pedale mit Fahrradsitzen, dazwischen das Ruder. Daneben gab es noch einen Mini-Elektromotor, der mit einem Solarkollektor und einer zusätzlichen Batterie betrieben wurde.

In der Kajüte konnte man mit vier Personen gemütlich sitzen und im Sitzen gleichzeitig kochen, abwaschen und auch den Heizofen bedienen. Im Vorderen Teil des Schiffes gab es Matratzen und dazwischen befand sich die Toilette. Eigentlich ähnelte das Innenleben der Escargot einem Wohnmobil. Zudem hatten wir auch noch eine kleine Sonnenterrasse.

Bei strahlendem Sonnenschein, so um die 30 ° C und einer Luftfeuchte von über 80 % radelten wir los, flussaufwärts. Nicht ein bestimmtes Ziel zu erreichen ist das Wichtigste, nein, das gemächliche Fahren an sich.

In Zeitlupe schlichen wir flussaufwärts Richtung Mühlheim. Meter für Meter kroch unsere kleine Schnecke voran. Vorbei an rostenden, wunderschönen Spundwänden und naturnah mit Steinen befestigten und auch begrünten Uferabschnitten. Nach einiger Zeit stellte sich eine gewisse Routine. Im Gleichklang treten, treten, treten und treten, dabei das Ruder festhalten und immer weiter treten. Die Übersetzung war in Ordnung, man konnte recht ausdauernd treten ohne total fertig zu sein. Hauptsache gleichmäßig. Nach einiger Zeit erreichten wir Mühlheim City. Vom Wasser aus konnte man den Niedergang des Ruhrgebiets merken – oder auch den Aufbruch in eine neue Ära: Abgerissene Bauwerke, Bauschutt, Verfallenes, Neues.

Wir fuhren immer weiter, unserem Etappenziel, einem Jachthafen mit Café, immer näher kommend. Dort wollten wir übernachten und am nächsten Tag noch etwas weiter um dann wieder flussabwärts zu radeln, zum Ausgangspunkt zurück.

Unsere erste Schleuse meisterten wir perfekt und auch die „Weiße Flotte“ brachte uns nicht aus der Ruhe.

Man wird erstaunlich ruhig auf dem Schiff. Erst mal etwas kribbelig, weil man ja vermeindlich nicht von der Stelle kommt und dann ganz ruhig. Man wird im Gleichtritt der Pedale fast meditativ. Der Weg ist das Ziel.

Weit hinter Mühlheim passiert dann jäh das Unvorhergesehene: Wie aus dem Nichts kam ein starkes Gewitter mit sinnflutartigen Regenfällen. Innerhalb von Sekunden waren wir nass bis auf die Unterhosen. Wind kam auf und Blitz und Donner umschlossen uns. Mit aller Kraft radelten wir ans Ufer, fanden einen Poller, machten fest und waren inmitten eines Unwetters. Raus konnten wir nicht – wohin ? Wir blieben im Schiff und hofften, dass wir in einer Art faradayschem Käfig saßen. Da wir allerdings kein Metall am Kajüttendach entdecken konnten, blieb es bei einer wagen Hoffnung. Das Gewitter dauerte endlos lange. Klitschnass und mit einer Portion Angst saßen wir im „Speisesaal“ und machten uns gegenseitig Mut.

Endlich, so nach gut einer Stunde beruhigte sich das Gewitter; der Regen ließ nach und wir schöpften neuen Mut. Aber eines wussten wir: auf diesem Schiff übernachten – keinesfalls.

Also fuhren wir zurück, wollten aufgeben. Ohne auf die Schönheiten am Ufer zu achten radelten wir zum Hafen zurück. Dabei trafen wir ein Wikingerschiff „Müwi“. Dieses wird ebenfalls von der „Grüne Flotte“ betrieben. Das Boot war schneller, da es einen Motor hatte, die Bootsführerin vom Regen noch durchweichter als wir, da kein auf dem Boot kein Unterschlupf möglich war.

Wieder im Hafen zurück, sprachen mit den Eignern und auch der „Müwi“-Bootsführerin. Diese überzeugten uns, doch auf der Escargot zu bleiben und am kommenden Tag noch mal neu zu starten. Darauf ließen wir uns dann auch ein. Glücklicherweise.

Nach Spagetti mit Tomatensauce haben wir vier Karten gespielt, sind in unsere Schlafsäcke gekrochen und eingeschlafen. Am Sonntagmorgen fuhren wir wieder los. An den Spundwänden vorbei, nach Mühlheim rein und haben am „Museumskai“, am Museum Ruhr Natur, festgemacht. Wir sind durch das nette Museum zum Thema Ruhr gegangen, haben Kaffee getrunken, Kuchen gegessen und es uns gut gehen lassen. Das Wetter war herrlich. Wir waren nach einem Tag Auszeit bereits richtig erholt.

Auf dem Rückweg zum Hafen haben wir einige nette Begegnungen mit Passanten gehabt: Manche Passanten winkten uns zu, Andere sprachen uns wegen der Escargot an. Wir waren ein wenig exotisch. Wir hingegen konnten unterschiedliche Wassertiere betrachten, die sich von der Wasserseite aus gut beobachten ließen: Kanada-Gänse, Enten, Schwäne, Haubentaucher, Graureiher und auch badende Pelztiere, Nutrias. Zu den Kanada-Gänsen habe ich gelesen, dass die im Ruhrgebiet gar nicht gern gesehen sind. Ihre Population hat sich derart vergrößert, dass sie zur Plage („Invasion der Gänse“) geworden sind. Ihre Hinterlassenschaften sind riesig, töten jeden Grashalm und verhindern, dass man sich entspannt auf Wiesen setzen oder legen kann. Schade eigentlich. Was zu viel wird, wird lästig.

Klasse und immer wieder reizvoll sind die anthropogenen „Zeichen der Zeit“: Rost genannt. Erst entwickelt sich aus dem Eisen das Zerfallsprodukt mit den wunderschönen Farben. Dann entstehen Einblicke und Ausblicke. Einfach schön.

Wieder zurück haben wir erfahren, dass es ein wahrlich heftiges Gewitter war. Ganz in der Nähe wurden in Xanten, beim Römerfest 14 Menschen vom Blitz verletzt. Im Mühlheimer Busbahnhof war kurzzeitig unter Wasser und die Feuerwehr pumpte zahlreiche Keller leer.

Dennoch: Es war ein tolles, unvergessliches Wochenende.

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